Rolli Maik

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(Rolli Maik lässt sich nicht unterkriegen und das ist gut so. Ich danke Frank, der mir die Inspiration zu dieser teilauthentischen Geschichte geliefert hat.

Erstveröffentllichung 2013 in Wien/Österreich

 

Rolli Maik                          ©Elisabeth van Langen

„Zurücktreten!“ erklang es aus den Lautsprechern an der weitläufigen Bahnanlage mitten in einer deutschen Großstadt. Maik F. musste unwillkürlich grinsen. Aus seinem Rollstuhl heraus betrachtete er die Menschen um ihn her, die ein oder zwei Schritte rückwärts machten. Wie tanzende Marionetten kamen sie ihm in diesem Moment vor. Er selbst drückte auf den rechten Knopf seines Schalthebels, mit dessen Hilfe er seinen E-Rolli lenken konnte. Ein leises Surren erklang und die Menschen in seiner Nähe traten abermals einen Schritt zurück. Der ein oder andere schaute zu ihm herüber. Maik F. wusste, dass er für einige ein interessantes Anschauungsobjekt darstellte, aber nachdem er nun schon fast 50 Jahre seines Lebens in Rollstühlen zugebracht hatte, war es ihm mittlerweile völlig gleichgültig geworden. Sein Humor und die große Portion Selbstironie, die ihm eigen waren, ließen ihn mitunter über diese „Gucker“ lächeln und hatten ihn zu einem Kämpfer gegen die Problematiken, denen er und seine behinderten Freunde ausgesetzt waren, gemacht. So konnte man Maik oft genau an solchen Brennpunkten wie diesen Bahnhöfen finden. Es gab fast täglich etwas zu bemängeln.
Heute nun wartete er auf seinen Freund Tommy. Tommy saß ebenfalls im Rollstuhl und kam aus einem kleinen Dorf in der Eifel. Dort war er unter der Bevölkerung sehr beliebt und so kam es, dass Tommy heute eine ganz besondere Neuigkeit für Maik mitbrachte. Doch zunächst musste das ewige Abenteuer Bahnfahrt bewältigt sein.
Maik schaute auf seine Armbanduhr, diese hatte er etwas schräg an seinem Arm, denn durch seine Spastik konnte er diese nicht so anbringen, wie es ein nicht behinderter Mensch getan hätte. Für Maik allerdings kein Problem, denn seit seiner Geburt kannte er es nicht anders. Ein Sauerstoffmangel während der Entbindung, hatte zu erheblichen Komplikationen geführt und auch sonst war so einiges schief gelaufen. Dennoch war Maik ein lebensfroher Mensch geworden und trotz seiner doch sehr sichtbaren Behinderung, war er ein Charmeur vor dem Herrn und die Damenwelt traf sich gerne mit ihm auf einen Kaffee oder eine Pizza in irgendwelchen Lokalen. Dort hatte man den Eindruck, dass er neben Bahnhöfen abzuchecken auch noch Restauranttester sei. So konnte es durchaus passieren, dass gerade er, von dem der Wirt es am wenigsten erwartete, lautstark die Qualität des Essens bemängelte. Zu seiner Begleitung gewandt sagte er dann oft mit einem süffisanten Grinsen „Ich darf das, ich bin ja ein Behindi!“ Was sollte man da noch erwidern? Maik hielt der Gesellschaft den Spiegel vor und das zu Recht.
Nun saß er grummelnd auf dem Bahnsteig und ärgerte sich über die Bahn, die wieder einmal Verspätung hatte. Wenn Tommy nun ankam, bedeutete dies, sie mussten beide 2 Stunden Zeit vertrödeln, denn die nächste Gelegenheit für die beiden Rollifahrer um zu Maiks Wohnstätte zu gelangen, würde erst in 2 Stunden sein. Manch einer konnte dies nicht glauben, denn hier fuhren am Tage doch alle 15 Minuten irgendwelche Bahnen und Busse. Eine Tatsache die wohl wahr war, aber      diese Verkehrsmittel waren nicht alle behindertengerecht, nein es waren sogar Haltestellen an der Strecke zu Maiks Wohnstätte, da war ein Aussteigen mit E-Rolli unmöglich. Es fehlte an Niederflurbussen und Bahnen mit behindertengerechten Haltepunkten. Manche Bahnhöfe lagen zu hoch oben und es gab keine Aufzüge oder Rollbahnen, um für Rollifahrer dorthin zu gelangen. Vielerortens waren die Aufzüge oft ausser Betrieb und Maik hatte es sich zur Aufgabe gemacht, diese Stellen in seiner Stadt regelmässig zu überprüfen. Fast jeden Tag rief er die örtlichen Verkehrsbetriebe mit einer neuerlichen Beschwerde an und diese waren mittlerweile sogar recht froh darüber. Keiner kontrollierte so eifrig wie Maik F.. Im Grunde ersetzte er unbewusst sogar einen Kontrolleur und ersparte der Bahn Kosten und Mühen. Mit vielen der Bahnbeamten war er mittlerweile bereits auf „du und du“ und hatte sogar eine Telefonnummer für Notfälle bekommen.
Damit war er sicher weiter gekommen, als so manch anderer behinderter Mensch, Maik wurde nicht bemitleidet oder belächelt, nein man nahm ihn ernst und das tat ihm gut. Sein Selbstbewusstsein war deshalb auch recht ausgeprägt und dies spürten auch die Menschen um ihn herum.
Sicher es gab Ausnahmen, wie kürzlich in einem Bahnhofsrestaurant, da brachte die Kellnerin nur zwei Gedecke und das, obwohl sie zu Dritt waren. Auch das der griechische Kellner in einem anderen Lokal erst gar keinen Ouzo für ihn brachte, ließ nicht von großer Kenntnis Behinderten gegenüber schliessen. In den Köpfen der Mitmenschen musste er als Spastiker im Rollstuhl gleichermassen wohl auch eine geistige Behinderung haben und dies ließ er sie dann auch durch eine gezielte ironische Bemerkung seinerseits spüren. Er war wirklich in der Lage, die Menschen zum Nachdenken zu zwingen.
Nach einer ewigen Wartezeit, die sich wie Kaugummi gezogen hatte, war Tommy endlich aus dem Zug gerollt. Begleitet von dummen, bemitleidenden oder genervten Blicken. Ja tatsächlich, genervten Blicken. Waren doch einige eilige Reisende gerade durch den Rollstuhl, der sich da vor sie schob extrem genervt. Sie mussten an ihm vorbei, ab zum nächsten Bahnsteig, den Anschlusszug noch bekommen. Wieder etwas was Maik registrierte und sich seine Gedanken machte. Er hätte schon ein komplettes Buch an Verbesserungsvorschlägen zusammen. Jetzt erst einmal Tommy begrüssen, eine Prozedur mit zwei Rollis, die so manchen Reisenden noch mehr nervte.
Die beiden Freunde waren froh sich wieder einmal zu treffen. Die Wartezeit wollten sie nun in einem Lokal am Bahnhof verbringen. Dort lächelte die Kellnerin bereits sehr nervös beim Anblick der beiden Rollstühle. Wie sollte dies wohl funktionieren? Einer nahm schon jede Menge Platz ein, aber zwei davon, dies würde Probleme geben. Die Kellnerin sah hilfesuchend zum Wirt, dieser kam denn auch heran und fragte, ob die beiden etwas essen wollten oder nur etwas trinken. Tommy wollte nur etwas trinken und der Wirt wollte bereits bedauernd abwinken, als Maik sagte: „Nix da, ich hätte gerne die Speisekarte. Wir essen hier!“ Der Wirt räumte daraufhin die Ecke frei und Tommy konnte sich hineinplazieren. Auch für Maik wurde Platz geschaffen. „Wir sind ein Hinderniss!“ stellte Tommy fest. Maik lachte: „Ja das sind wir doch immer. Der Blödmann hätte uns auch wieder rausgeworfen, wenn wir nur was trinken wollten.“ Tommy meinte: „ Also essen wir gezwungenerweise etwas?“ Maik grinste böse: „Nein, wir essen gar nichts. Wir trinken nur etwas. Aber lassen uns die Speisekarte bringen. Lass mich nur machen.“ Die Kellnerin brachte die Karte und zunächst einmal bestellten sie sich eine Cola. Erst als die Cola kam, nahm Maik sehr umständlich die Karte und ließ sie zu Boden fallen. Die Kellnerin musste halb unter den Tisch kriechen, um diese aufzuheben. Tommy lächelte bei diesem Anblick und Maik entschuldigte sich vielmals. Unbeholfen nahm er der Kellnerin die Karte wieder ab.  Diese musste weiter und andere Gäste bedienen. Maik legte die Karte auf den Tisch. „Prost Tommy!“ Er schob sich sein Glas so, das er es fassen konnte und trank seinem Freund zu. Nach einer Weile kam die Kellnerin, die wissen wollte ob sie etwas gewählt hatten. „Nein, sagte Maik freundlich, ich musste erst mal was trinken. Abermals nahm er die Karte zur Hand und ließ sie fallen. Die Kellnerin schaute ihn böse an. Maik entschuldigte sich abermals. Er blätterte mühsam Seite für Seite um. Die Kellnerin wartete und Maik fragte sie, welche Gewürze verwendet wurden. Er ließ sich Gericht für Gericht erklären und Tommy trank in Ruhe seine Cola. Maiks Cola war sowieso schon fast leer und so fand er es nicht tragisch, als er plötzlich auf seine Uhr sah und Tommy erklärte, das sie zahlen müssten. Die Kellnerin machte ein sehr betretenes Gesicht und sah hilfesuchend Richtung Theke. Der Wirt kam und wollte wissen: „Gibt es Probleme?“ „Die wollen zahlen!“ meinte sie beinahe angewiedert und Maik musste fast lachen. Doch er behielt sein Pokerface.
Als sie mit ihren Rollis an der Bahnsteigkante standen, einträchtig nebeneinander lachten beide laut los. „Mensch Maik, das war ne coole Nummer!“ Maik fand es wohl lustig, aber auch wieder frustrierend, denn so würden die Vorurteile der Bevölkerung auch nicht besser werden.
Als die Bahn kam, versperrten sie mit ihren Rollis natürlich den Eingangsbereich und einige Leute quetschten sich schimpfend an ihnen vorbei. Glücklicherweise dauerte die Fahrt zu Maiks Wohnstätte nun nicht mehr so lange und alsbald rollten die beiden durch den Eingang zu Maiks Zimmer. Dort erzählte Tommy endlich die Neuigkeiten. Er hatte in dem kleinen Eifeldorf den Vogel   abgeschossen und würde in diesem Jahr dort Schützenkönig sein. Ihm fehlte nur noch eine Königin an seiner Seite und die wollte er bei Maik in der Wohnstätte finden. Maik fand diese Idee richtig gut und so rollten beide später zum Abendbrot in den großen Speisesaal, dort würde Tommy dann seine Königin aussuchen. Beim Abendessen ging es lustig zu, es wurde viel gelacht und die Mädels die verstehen konnten, was Tommy wollte, warfen sich mächtig in Positur. Das Personal hatte alle Hände voll zu tun, um einen Zickenkrieg zweier Down Syndrom Schönheiten zu vermeiden. Diese beiden sahen sich schon als unangefochtene Königinnen und gerieten sofort in Streit. Doch Tina, die erfahrene Betreuerin wusste die beiden Grazien zu beruhigen. Tommy wusste auch nicht so recht, welche der in Frage kommenden Mädels er erwählen sollte. Maik genoss während dessen
ohne Probleme sein Abendbrot. Tommy erzählte, wie Maik sich angestellt hatte, als sie im Lokal waren. Corinna, die andere diensthabende Betreuerin, und Tina lachten dabei fast Tränen. Konnten sie sich doch nur zu gut Maiks Vorstellung vorstellen.
Nach dem Abendbrot zogen sich die meisten in ihre Zimmer zurück. Die beiden Downie Mädels, Ilse und Mareike, liefen Tommy hinterher, der mit Maik zu dessen Zimmer rollte. Tina beschloss vorsichtshalber mit zu gehen. Doch Tommy hatte im Zimmer angekommen eine bessere Idee. Er rief in seinem Dorf an und so hörten sie ihn fragen: „Ich wollte mal fragen, ob ich nicht zwei Königinnen haben kann? Eine rechts u eine links vom Rolli sieht doch bestimmt viel besser aus!“
Nach einer Weile beendete er das Gespräch und schaute Ilse und Mareike an. „Also, ich darf keine zwei Königinnen haben, aber ihr dürft meine Adjudantinnen sein. Ich bin dann ein König ohne Königin.“ Tina musste nun den beiden Mädels erklären was Adjudantinnen sind und so lagen am Ende des Abends zwei sehr glückliche Downie Mädchen in ihren Betten und fühlten sich einfach nur gut. Maik sagte zu Tommy: „Weisste was, wir kommen da alle hin. Das wird die Bahn vor eine schwere logistische Aufgabe stellen und unsere Betreuer hier in den Wahnsinn treiben.“ „Aber eure Betreuer sind doch nett.“ meinte Tommy. Maik lachte und sagte dann: „Joh die Zwei, die du heute kennengelernt hast schon. Aber warte ab, morgen kommt Luciano, der ist ein richtiges Ekel.“ Tommy lachte laut auf als er sagte: „Und du erziehst sie alle! Ich bewundere dich dafür!“ Maik winkte ab und antwortete: „Ich beneide dich dafür, dass du Schützenkönig wirst. Also so gesehen, unterscheiden wir uns nicht von denen, die ihre Beine nutzen können. Schön wäre es, wenn sie dann auch mal ihren Verstand einsetzen würden.“ Tommy dachte kurz nach, als er erwiderte: „Nun bei uns in der Eifel, in der Dorfgemeinschaft scheint dies sehr wohl zu funktionieren. Vielleicht ist euch Großstädtern einfach der Sinn des Lebens fremd geworden!“ Lange Zeit lag Maik in dieser Nacht wach und musste über Tommys Worte nachdenken. Am Morgen während des gemeinsamen Frühstücks verkündeten Ilse und Mareike, wie wichtig sie zukünftig seien. Luciano war gar nicht erfreut darüber, denn er musste die ganze Sache noch genehmigen lassen,  die Mädels standen schliesslich unter Betreuung. Man sah ihm an, wie gerne er dies verhindern würde und Maik sagte zu Tommy: „Weisst du, ich denke jeder hat seinen eigenen Sinn des Lebens. Der eine möchte gerne Glück sehen und der andere ist erst glücklich, wenn der Nächste leidet.“ Tina und Corinna, die beiden Betreuerinnen des Nachtdienstes, würden bestimmt dem Glück von Ilse und Mareike auf die Sprünge helfen, da war Maik sich ganz sicher. Er würde gleich den Tommy zur Bahn bringen, der nun auch glücklich war und selber würde er nochmal in dieses Lokal fahren, das von gestern, und die Kellnerin zum Essen einladen. Ein leichtes böses Grinsen huschte über seine Lippen, als er dies dachte.

Tatsächlich war es seinem Charme gelungen, die Kellnerin für den Abend in ein anderes Lokal einzuladen und als sie die Speisekarten in den Händen hielten, konnte Maik sich die Bemerkung nicht verkneifen zu sagen: „Die Karten sind gar nicht rutschig. Haben hier ja auch keinen schleimigen Wirt, der Behindis nur als Verlustgeschäft sieht!“ Die Kellnerin errötete und sagte: „Danke für den Vorführeffekt! Ich werde zukünftig mehr auf behinderte Gäste eingehen.“
Maik lehnte sich zufrieden lächelnd in seinem Rolli zurück und dachte bei sich „Wieder mal ein schwarzes Schaf bekehrt“, gleich würde er Tina anrufen, das musste die unbedingt erfahren. In Gedanken war er nun schon wieder bei neuen Projekten und die Kellnerin sagte beim Abschied nehmen: „Du bist der Robin Hood der Behinderten!“ Maik lachte… „Wohl eher ein Rolli Hood!“

 

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