Die Blutzucker – Mörderinnen

 

Die Blutzucker – Mörderinnen

ausgedacht von

     ©  Elisabeth van Langen     

                                                      (Veröffentlicht in Wien, 2013)

 

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Eigentlich hatte sich Oma Kerstin ihren Lebensabend etwas weniger turbulent vorgestellt, doch dann wurde ihre Enkelin Julika geboren und schon sehr früh wurde bei ihr Diabetes diagnostiziert.
Julikas Vater Thomas gab der Oma die Schuld an der Erkrankung seiner Tochter. „Das hat sie von dir geerbt!“,hatte er verbittert gesagt und seither kaum mehr mit ihr geredet. Kein schönes Benehmen, fanden auch die meisten anderen Verwandten. Oma Kerstin war wegen dieser
Anschuldigung sehr traurig, zumal diese Aussage so nicht wahr sein konnte. Hätte Thomas auch nur einmal nachgefragt , aber nein, er hatte gleich los gepoltert und eine Schuldige gesucht. Dabei war der Diabetes von Oma Kerstin ein völlig anderer als der von Enkelin Julika.
Diese litt an einer Autoimmunerkrankung und hatte den Diabetes Typ 1,während bei Oma Kerstin vor einigen Jahren der Diabetes Typ 2 festgestellt wurde. Wenn man über Julikas Erkrankung nachdachte, hätte man ja auch behaupten können Birgit, ihre Schwiegertochter, hätte Schuld daran.
Vielleicht hatte sie sich falsch ernährt,  während der Schwangerschaft oder wenn man es genau nahm, dann könnte man auch der Kaiserschnittgeburt eine Mitschuld an Julikas Diabetes einräumen. Immerhin haben Kinder, die per Kaiserschnitt auf die Welt kommen, ein doppelt so hohes Risiko an Diabetes zu erkranken ,als Kinder die auf natürlichem Wege geboren werden.

Thomas fühlte sich jedenfalls sehr mit der Erkrankung seiner Tochter überfordert. Er war fortan öfters spät Nachts heimgekommen und ließ Birgit und seine kleine Tochter alleine, ja vernachlässigte sie beide immer mehr. Nach kurzer Zeit war auch Birgit nur noch ein Schatten ihrer Selbst und die kleine Julika wurde von einer Tante zur anderen gereicht. Nur zu Oma Kerstin durfte sie nicht  wirklich oft. Thomas, ihr Vater, hatte damit ein Problem. Erst als es der restlichen Verwandtschaft zu viel wurde, sich keiner mehr bereit erklärte, Julika zu sich zu nehmen, war Thomas bereit sie in die Obhut der Großmutter zu geben. Es wurde immer komplizierter, die Diabetes war schwer in den Griff zu bekommen und je älter Julika wurde, um so weniger konnte Thomas und Birgit der Kleinen eine wirkliche Stütze sein. So war Julika drei Jahre als ihre Großmutter sie  auf unbestimmte Zeit bei sich aufnahm.
Thomas machte es sich sehr einfach und Oma Kerstin hatte keine Lust mehr gehabt auf diese ewigen Diskussionen mit ihrem Sohn und war glücklich der Kleinen helfen zu können.
Diese gedieh prächtig bei ihrer Großmutter und freute sich jedesmal wenn Birgit, ihre Mutter, sie bei der Oma besuchte. Eines Tages kam Mutter mit einen fremden Mann, der freundlich lächelnd auf sie zu ging. Die Großmutter hatte ihr später erklärt, dass
ihre Mama und ihr Papa sich getrennt hätten und Mutter mit dem Mann nach Kanada gehen wollte. Für Julika würde dies bedeuten, sie müsste entweder mit nach Kanada oder aber bei ihrem Vater Thomas bleiben.
Die Großmutter und Julika waren sehr traurig in den nächsten Tagen und Wochen. Es wurden Gespräche mit den Ärzten und Ämtern geführt und irgendwann war klar, die Mutter ging notfalls ohne sie nach Kanada und würde auch einer Vollzeitpflege Julikas,  durch Oma Kerstin
zustimmen.

Jetzt musste nur noch Thomas überzeugt werden, doch dieser stellte plötzlich fest, dass er eine Tochter hatte und wollte diese in seinem Hause leben haben. Nach vielen tränenreichen Monaten wurde Julika dem Vater zugesprochen. Die Verwandten schüttelten ihre Köpfe und die
Großmutter wurde in der Zeit sehr schwermütig. Dennoch irgendetwas musste sie für Julika unternehmen, etwas damit es der Kleinen nicht noch schlechter ging. Oma Kerstin besuchte sie,
soweit es ging, jeden Tag. Oftmals waren Julikas Zuckerwerte sehr schlecht und nur ihrer Großmutter war es zu danken, dass auf regelmäßigen Kontrollen der Zuckerwerte und die notwendigen Besuche beim Arzt geachtet wurde. Thomas hatte sich mittlerweile zu einem Alkoholiker entwickelt. Scheinbar ein schleichender Prozess, den mangels Kontakt zu anderen
Familienmitgliedern , keiner wirklich richtig bemerkt hatte. Er wurde immer fülliger, oftmals wusste er nicht einmal ob es Julika gut oder schlecht ging.
Von Birgit kamen regelmäßig nette Videobotschaften aus Kanada. Julika hatte in solchen Augenblicken immer Heisshunger auf Schokolade,  um ihren inneren Frust zu kompensieren. Glücklicherweise hatte ihr Oma Kerstin sehr viel über den Umgang mit dem Insulin-Pen gelehrt und so hielt sich bei Julika bis auf einige Ausnahmen alles im Rahmen.

Als die Grundschulzeit beendet war, wollte sie aufs Gymnasium, aber ihr Vater hatte etwas dagegen. Da halfen auch keine noch so gut gemeinten Argumente von der Oma. Thomas schickte sie auf eine Gesamtschule und er selber trank stets mehr Hochprozentiges. Eines Tages kam sie nach Hause und fand den Vater völlig betrunken mit einem Schreiben von seinem Arzt vor. Wütend herrschte er sie an: „Hier ließ dass mal! Du kleines Miststück hast mich angesteckt!“ Julika schossen augenblicklich die Tränen in die Augen und als sie verschwommen las „Sie leiden an einer Diabetes ….“ konnte sie nur kurz auflachen.

Etwas was sie besser nicht gemacht hätte, denn ihr Vater verpasste ihr in dem Augenblick zwei schallende Ohrfeigen. Julika schluckte und da verspürte sie das erste Mal in ihrem Leben Hass, gegen den doch sehr unmenschlichen Vater. Heulend lief sie aus dem Haus und direkt zu Oma Kerstin. Diese war zu Hause und öffnete ihr mit verweinten Augen. Schluchzend fielen sich die beiden in die Arme und für die nächsten paar Tage blieb sie einfach bei der Großmutter. Dies schien Thomas auch nicht weiter zu stören, denn von ihm kam keinerlei Nachfrage. Erst am vierten Tag stand er mittags an der Schule und sagte:“Du musst mit nach Hause kommen. Ich hab da eine  Medizin vom Arzt bekommen. Du musst mir erklären wie ich das alles richtig machen soll.“
Julika blieb nichts anderes übrig und so war sie wenig später erstaunt darüber, das ihr Vater keine Pillen bekommen hatte, nein er musste direkt mit einem Insulin- Pen arbeiten und scheinbar hatte er weder dem Arzt,  noch dem Apotheker richtig folgen können. Jedenfalls lauschte er das erste Mal im Leben den Ausführungen seiner Tochter und ließ sich den Umgang mit dem Pen und dem Blutzuckermessgerät genauestens erklären.
Doch schon wenig später hatte er schon wieder zur Flasche gegriffen und pöbelte sie an. Kurze Zeit später tauchte ihre Großmama auf und stellte fest, das der Vater wohl völlig betrunken, aber auch unterzuckert sei. Julika reichte ihm ein Stück Traubenzucker. Wütend herrschte er sie an „Bring mir lieber was zu trinken!“ Beide schüttelten den Kopf und gingen in Julikas Zimmer, hier erzählte sie der Oma das vorangegangene. In den nächsten Tagen wiederholten sich solche Szenen und als er wieder einmal handgreiflich wurde, packte Julika ihre Sachen und zog zur Großmutter. Der Vater bestand nach wenigen Tagen darauf, dass sie
wieder heim kommen sollte, doch Julika,  selbst durch ihrem eigenen Diabetes,
entkräftet, konnte es kaum noch ertragen. Am Abend gingen Großmutter und Julika gemeinsam zu Thomas, der war wieder angetrunken und verlangte, dass seine Mutter ihn bekoche.

Diese erzählte ihm etwas über gesunder Ernährung. Er wurde sehr ungehalten darüber und verfluchte sowohl Oma Kerstin als auch seine Tochter Julika. Diese schaute ihn aus dem Türrahmen heraus,  lange und nachdenklich an. Während er sein Essen auf unappetitlicher Weise in sich schaufelte, fragte Julika ob es ihm auch schmecken würde und er noch Schokoladen Pudding haben wolle. Sie würde ihm noch etwas Schlagsahne und Schoko Streussel dazu geben. Großmutter wollte schon widersprechen,sah aber dann das Glitzern in Julikas Augen und verstand…..
Der Vater ließ sich in seinem Suff, dieses Angebot nicht entgehen und so aß er wenig später eine große Schüssel Pudding. Großmutter gab ihm danach noch ein Bier und zufrieden rülpsend legte er sich auf die Couch.
Kurze Zeit später spürte er das es ihm nicht sonderlich gut ging. Er taumelte, rief nach Julika und seiner Mutter…..
Die beiden waren in Julikas Zimmer und hörten klassische Musik. Eine Liebe, die beide gemeinsam hatten. Julika stellte die Musik lauter,  da irgendein Poltern sie störte.
Thomas hatte seinen Pen gesucht, diesen dann auch gefunden und gleich ins Bein gesetzt. Nicht einmal seine Jeans hatte er vorher herunter gezogen. Kurz darauf wurde es dunkel um ihn herum.
Zwei Stunden später sagte der Polizist Neugebauer zu seinem Kollegen: „Klassischer Fall von falscher Lebensweise bei Diabetes. Der Arzt hat uns nur pro forma verständigt, weil die Familie ihn tot am Boden gefunden hat. Trotzdem müssen wir natürlich auf einer richtigen Obduktion bestehen. “ Ein Leichenwagen fuhr vors Haus und der Doktor erklärte dem Fahrer „Er hat noch seine Medikamente gespritzt Leider war sein Blutzuckerspiegel schon völlig neben der Spur. Armer Kerl. Ich muss mich nun mal um seine Mutter und Tochter kümmern, beide unter Schock und Langzeitdiabetiker. Da prägt so etwas natürlich sehr.““

Wenige Tage später gaben Julika und Großmutter im Polizeirevier zu Protokoll..der Vater müsse sich fälschlicherweise den verkehrten Pen gegriffen haben…eine falsche Dosierung habe dann wohl zum Tode geführt.. etwas was auch die Gerichtsmedizin bestätigte.
Der festgestellte Promille Gehalt des Vaters, untermauerte ihre Aussagen. Laut Schreiben des Gerichtsmediziners lag eine deutliche Stoffwechselentgleisung, auf Grund falscher Ernährung, falscher Insulingabe und dem enormen Alkoholpegel vor. Eine Kombination die
wohl zum Tode geführt hatte. Ein Fremdverschulden konnte nicht festgestellt werden.

Zu Hause sagte Julika zu ihrer Oma: „Ich hoffe du hast noch einen neuen Pen!“
Oma lächelte Julika an und meinte zu ihr: „Und ich hoffe, du isst nie unkontollierte Mengen Schokopudding mit Schlagobers!“

Und wieder war ein Glitzern in ihrer beider Augen.

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