Der Schneemann

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Der Schneemann                                                                                
von Elisabeth van Langen

„Leise rieselt der Schnee“ sang der Schulchor des städtischen Gymnasiums und als ob der Himmel diese Botschaft verstand, begann es sanft zu schneien. Einige Schüler freuten sich nun um so mehr auf die bevorstehenden Weihnachtsferien. Alex war einer von ihnen und als der Chor geendet hatte, konnte er es kaum erwarten, endlich ins Freie zu kommen und dort mit dem ersten Schnee kleine Schneekugeln zu formen und seine Mitschüler damit zu bewerfen. Nach und nach leerte sich die Schule und der verwaiste Schulhof wurde von einer gleichmässigen Schneeschicht überzogen. Alex war noch immer dort und schaute fasziniert den Schneeflocken zu, die immer dicker wurden. „Willst du nicht endlich nach Hause und in die Ferien?“ ertönte hinter ihm die Stimme des Hausmeisters Herrn Korn. Langsam drehte Alex sich um und schaute in das Gesicht des Hausmeisters. Irgendwie sah es fremd aus, fand Alex. Musste wohl an den Flocken liegen, die auch vor seinem Gesicht keinen Halt machten. „Werd gleich gehen!“ antwortete er knurrend, denn er mochte den Hausmeister nicht. Der Hausmeister wollte wohl noch etwas antworten, denn er öffnete den Mund. Zu einer Antwort kam es nicht, denn mehrere Schneeflocken fielen auf seine Lippen und er erstarrte. Alex konnte nicht glauben, was er da sah. Stocksteif stand der Hausmeister vor ihm und der Schnee bedeckte ihn immer mehr. Alex rüttelte an seinem Arm, dieser aber bewegte sich nicht.
Er schrie ihn an: „Hey, hey Herr Korn, was ist denn los mit ihnen?“ Keine Antwort und keine Regung kam von Herrn Korn und Alex packte eine innere Unruhe. Panisch lief er vom Hof und doch musste er sich immer wieder umdrehen, um zu sehen, ob er sich nicht geirrt hatte. Einige Meter weiter blieb er stehen und starrte Richtung Schulhof. Er wusste nicht, was er nun machen sollte. Nach Hause laufen? Die Polizei verständigen? Irgendeinen Erwachsenen ansprechen? Immer heftiger wurde der Schneefall, jedoch, und dies bemerkte Alex nun, war der Schnee auf dem Schulhof viel dichter und mehr, denn er hatte keine Schneeschicht auf sich, während Hausmeister Korn mittlerweile die Form eines Schneemanns angenommen hatte. Verwirrt machte er sich auf den Weg nach Hause. Dort war seine Mutter gerade dabei das Mittagessen zuzubereiten und sein Bruder   Bastian saß gelangweilt auf der Treppe. „Na Bruder, gut durch den Schnee gekommen? Wenn es so weiter schneit können wir in 3 Tagen vielleicht Schneefrauen bauen“ sagte er mit einem breiten Grinsen. Alex antwortete: „Ehrlich gesagt, ich weiß grad nicht ob ich überhaupt nochmal Schneemänner bauen kann!“ Bastian lachte; „Nicht Männer. Frauen!“ und er formte mit seinen Händen weibliche Rundungen in die Luft. Alex sagte: „Lass mich vorbei, ich muss kotzen!“ Er schob an seinem Bruder vorbei die Treppe hoch und kurz darauf hörte man, das er sich übergeben hatte. Bastian schaute kopfschüttelnd die Treppe hoch und dachte „So übel war mein Vorschlag doch gar nicht!“. Wenig später rief die Mutter zum Essen. Alex rief zurück: „Hab kein Hunger!“ und Bastian erzählte der Mutter, dass sein Bruder sich wohl übergeben hatte. Die Mutter war erschrocken: „Oh nein, bloß jetzt nicht krank werden.“ Sie ging nach oben und fand Alex am Fenster stehend und in die Ferne starrend vor sich. „Was hast du denn? Hast du etwas falsches gegessen?“ wollte sie von ihm wissen. Er antwortete nicht und die Mutter legte ihre Hand auf seine Schulter. Wie ertappt, zuckte er zusammen und drehte sich um. Sein Gesicht war sehr bleich und Mutter fragte: „Sollen wir zum Arzt fahren?“ „Nein, nein geht schon wieder, ich muss noch mal zur Schule zurück, hab da was vergessen.“ antwortete er. Die Mutter wollte wissen, was es denn sei aber Alex rannte an ihr vorbei und rief seinem Bruder Bastian zu: „Bastian, trommel die Jungs zusammen und komm zur Schule“, dann lief er auch schon zur Tür hinaus. Ihre Mutter war mittlerweile bei Bastian in der Küche angekommen und schüttelte den Kopf. „Was habt ihr vor?“ Bastian wusste es nicht, aber es war sicher spannend, wenn sein Bruder wollte, das er die anderen Jungs ihrer Clique zusammenrief. „Keine Ahnung Mutter, aber ich muss jetzt los.“ Bastian lief zunächst zu Frank und dann zu Mike. Zum Schluss holten sie noch Sven, der etwas widerspenstig reagierte. „Zur Schule? Ey, ich bin froh, den Mist 3 Wochen nicht zu sehen!“ Doch die Jungs ließen nicht locker und so kam es, dass wenig später 4 Jungs auf Alex trafen, der auf dem Schulhof stand und einen Schneemann betrachtete. Bastian grummelte seinen Bruder an; „Ja, ja mit mir keine Schneefrauen bauen wollen. Wie haste den denn so schnell gebaut?“ Sven rief: „Der ist ja riesig. Jetzt noch nen Besen in der Hand und es ist Herr Korn!“ Alex sagte barsch: „Das ist Herr Korn! Darum solltet ihr ja her kommen.“
Mike und Frank lachten lauthals los. Bastian schaute seinen Bruder an und fragte: „Was ist los?“
Alex erzählte nun, was passiert war und dass er nicht weiß, was er nun machen soll. Mike meinte, „Wenn dass Herr Korn ist, fress ich einen Besen!“ Sven schaute ängstlich auf den Schneemann und Frank traute sich, ihn anzufassen. „Fühlt sich an wie normaler Schnee!“
Die Jungs redeten nun alle durcheinander und Sven wollte lieber wieder heim gehen. Frank versetzte ihm einen Schubs und meinte: „Du bist ein Feigling!“ Sven taumelte und fiel in den Schneemann hinein. Dieser geriet ins Schwanken und fiel in sich zusammen. Die Jungs starrten auf den Schneehaufen vor ihnen und auf Sven, der mitten in diesem lag. Als erstes musste Bastian lachen: „Bruder, ein cooler Witz. Dann können wir ja jetzt eine Schneefrau bauen.“ Auch die anderen lachten, nur Alex nicht. Wo war Herr Korn geblieben? Dies hier war wirklich nur Schnee.
Sven rappelte sich auf und als er die Hände in seine Hosentasche steckte, holte er dort eine Pfeife heraus. „Seit wann rauchst du?“ wollte Frank wissen. Sven schaute entgeistert auf die Pfeife in seiner Hand. „Das ist nicht meine!“ Alex sah genauer hin und rief aus: „Die gehört Herrn Korn!“
Sven ließ augenblicklich die Pfeife los, diese fiel in den Schneehaufen und Sven rannte schreiend davon als er sah, dass diese sofort ein Loch in den Schneehaufen brannte. Die anderen Jungs waren in eine Art Starre verfallen und sahen zu, wie die Pfeife den Schnee zum Schmelzen brachte.
„Hier spukt es!“ stellte Mike sachkundig fest. „Wo ist Herr Korn?“ fragte nun auch Bastian.
Während die Jungs noch überlegten stand plötzlich Herr Korn hinter ihnen und schimpfte los: „Was fällt euch ein mit meiner Pfeife so einen Unfug zu treiben?“ Alex erschrak fast zu Tode und Herr Korn hob die Pfeife auf. „Jetzt verschwindet ihr hier mal schnell und seht zu in die Ferien zu kommen.“ Die 4 gingen vom Schulhof und blieben stehen. „Irgendwas ist faul!“ bemerkte Frank.
„Ich schwöre, ich hab gesehen das er eingeschneit ist!“ murmelte Alex. Der Hausmeister fegte pfeifend den Schnee zusammen.
Wenig später beschlossen die Jungs heim zu gehen und kamen an Svens Haus vorbei. Dort rief seine kleine Schwester nach ihm: „Sven, wo bist du?“ Ein Schneemann stand auf der Wiese vor dem Haus und als Alex diesen sah, wurde ihm zum zweiten Mal an diesem Tag übel.
„Denkt ihr, was ich denke?“ fragte er seine Freunde. „Jetzt hör aber auf Alex! Du willst doch jetzt nicht behaupten, dass Sven da drin steckt!“ giftete ihn sein Bruder an. Mike und Frank starrten auf den Schneemann und Mike sagte: „Schaut mal, der Schneemann hat Svens Uhr!“
Tatsächlich ragte deutlich sichtbar Svens Uhr aus dem Schnee heraus. „Was sollen wir tun? Wir können ihn nicht da drin lassen!“ rief Frank aufgeregt. Svens kleine Schwester betrachtete die Jungs   und sagte: „Ich weiß nicht, wo der Sven ist! Drinnen ist der nicht.“ „Sag mal, habt ihr Bretter in der Garage?“ fragte Bastian die Kleine. „Ja!“ „Dürfen wir welche haben?“ „Für was Bruder?“ Alex war irritiert. „Ich will dem Schneemann damit eins überziehen Jungs!“ „Den dürft ihr nicht kaputt machen, den hat Sven gebaut.“ entrüstete sich die kleine Schwester. „Hast du das gesehen?“ fragte Bastian. „Nein!“ „Ich glaub, Sven ist in seinem Zimmer. Ich hab ihn grad am Fenster gesehen, der spielt wohl verstecken mit dir.“ meinte nun Bastian zu der Kleinen. „Echt?“ „Ja!“ Die Kleine hüpfte ins Haus und Bastian spurtete zur Garage. Mehrere lange Bretter waren dort. Er griff sich 2 und warf eines seinem Bruder zu. „Los komm, schlag drauf!“ Er und Alex schlugen den Schneemann auseinander und die Uhr lag im Schnee. Frank wollte sie aufheben, aber Bastian hielt ihn zurück. „Nicht! Sonst bist du womöglich der Nächste. Fasst den Schnee und die Uhr nicht an.“
„Hab dich gefunden!“ jubelte es aus dem Haus und Svens Stimme war zu hören. „Wurde auch Zeit, ist doch etwas kalt auf dem Dachboden.“ Die Jungs sahen sich an. „Sehr mysteriös!“ „Sven komm mal bitte raus“ rief Frank. Sven kam vor die Tür und sah seine Uhr im Schneehaufen liegen. „Wie kommt die denn hier hin?“ „Ähm ja, also die war im Schneemann!“ „Welcher Schneemann?“ Die kleine Schwester stand neben ihm und sagte „Den du gebaut hast! Och Mensch, deine Freunde haben den kaputt gemacht.“ Sven schob seine kleine Schwester ins Haus und sagte: „Wartet, ich bin gleich wieder da!“
Als er wieder bei seinen Freunden war, ließ er sich erzählen, was sie gesehen und vermutet hatten. Er erzählte seine Sicht der Dinge. Was er noch wusste war, dass es anfing heftig im Vorgarten zu schneien und er Schnee auf die Lippen bekommen hatte. Als die Schwester ihn gefunden hatte, war er auf dem Dachboden gewesen und hatte es ziemlich kalt. Alex sagte: „Herr Korn bekam auch Schnee auf die Lippen. Der Schnee war viel dickflockiger, dort wo er stand.“ „Hmm, wie bei mir.“ sagte Sven. „Was ist das für Gruselschnee?“ fragten Frank und Mike wie aus einem Mund. Irgendwas war in ihrer kleinen Stadt äusserst mysteriös und die Freunde wollten es herausfinden.
Langsam brach der Abend an und sie mussten heim zu ihren Familien. Sie würden alle zu Hause nachfragen, ob ihre Eltern schon einmal von diesem Schneemann-Phänomen gehört hatten. Morgen wollten sie sich an der Schule treffen. Jeder der fünf Jungs grübelte die ganze Nacht, zumal es keinerlei Hinweise aus den Familien gab. Franks Eltern hatten sogar den Verdacht ihr Sohn würde Drogen nehmen und halluzinieren, als er sie direkt nach so einem Schneemann fragte.
Als sie am anderen Tag zur Schule liefen, trafen sie den alten Herrn Köhler, dieser war fast 40 Jahre bei der Strassenmeisterei gewesen und er fluchte über die Schneemengen vor der Schule. „Früher hätte es so eine Schlamperei nicht gegeben. Wir haben immer alles ordentlich geräumt und gestreut. Selbst beim großen Schneechaos 1978. Heute bricht schon alles zusammen, wenn nur drei Schneeflocken aufeinander treffen.“ Alex und Bastian schauten sich an: „Drei Schneeflocken aufeinander treffen, Herr Köhler?“ „Ach ja, das ist so ein Satz, den hat mein Urgroßvater immer benutzt und gesagt, wir Bengels sollen immer schön den Mund zu halten, wenn es schneit. Man wisse nie, wann der weiße Nick komme.“ „Der weiße Nick?“ Mittlerweile waren auch die Freunde angekommen und lauschten aufgeregt dem Gespräch. „Ja, der weiße Nick. Ein Schneegeist, der die Menschen gefriert und zu Schneemännern werden lässt. Das ist eine uralte Sage und es wurde früher, als ich ein Kind war, noch oft vom Urgroßvater erzählt. Aber wir haben ihn nie gesehen, den weißen Nick.“ „Wissen sie noch mehr darüber, Herr Köhler?“ fragte Sven ganz aufgeregt. „Was passiert mit denen, die der weiße Nick trifft?“ „Man sagt, wenn sie nicht befreit werden, holt er sie in sein Schneereich. Aber das passiert nur, wenn es lange keinen Schnee gegeben hat.“ „Glaubte ihr Urgroßvater diese Geschichte?“ „Ja, er hat immer gesagt, wenn es zehn Jahre nicht richtig geschneit hat, dann müsst ihr alle vorsichtig sein. Der weiße Nick ist dann sehr böse und wird sich seine Opfer holen.“ „Und sie, Herr Köhler? Glauben sie auch daran?“ wollte Frank wissen. „Ach wisst ihr, es ist nicht immer so, dass nur das wahr sein muß, was man sieht. Das Wesentliche ist oft dem Auge verborgen. Also besser immer schön den Mund zu halten, damit darin keine drei Flocken aufeinander treffen.“ „Was, wenn er keinen finden würde, den er mitnehmen kann in sein Schneereich?“ „Ich denke, er hat wohl immer einen gefunden. Passt nur auf, wenn irgendwo große Schneemänner stehen, vielleicht steckt da ein Opfer des weißen Nicks drin.“ Herr Köhler lachte, während er dies sagte und ging dann weiter. „Boah, ist das unheimlich“ murmelte Mike und Frank fragte: „Was machen wir jetzt?“ Die Jungs standen ratlos vor der Schule. „Wenn er mal keinen findet, dann ist der Spuk vielleicht vorbei. Wir müssen gucken, alle dicken Schneemänner aufzuspüren, die hier irgendwo gebaut sind.“ Die Jungs schwärmten aus und hielten Ausschau nach großen, ungewöhnlichen Schneemännern. Tatsächlich konnten sie drei finden, die nach der Zerstörung einen Gegenstand frei gaben. Einmal war es eine Uhr, wie bei Sven und zweimal ein Feuerzeug. Als die Schneefälle zu Ende waren, atmeten die Jungs auf, jedoch wurde in der Familie von Frank erzählt, dass der alte Herr Köhler in der Nacht verstorben sei. Er habe draussen im Schnee gelegen und sein Mund wäre voll mit Schnee gewesen. Als Frank dies später den Jungs erzählte waren alle zu tiefst berührt. Hatte der weiße Nick ihm gezürnt und ihn zu sich in sein Schneereich geholt? War der Spuk nun vorbei? Sie würden es wohl nie wirklich erfahren und diese Geschichte würde ihnen bestimmt keiner glauben. Wenige Tage später war die Beerdigung von Herrn Köhler und die 5 Jungs hatten beschlossen, hin zu gehen. Die Sonne schien über dem Friedhof, als jedoch der Sarg hinab gelassen wurde, fielen 3 Schneeflocken auf ihn herab und eine alte Frau stürzte ans Grab und schrie: „Der weiße Nick ist gebannt! Der weiße Nick ist gebannt!“ Die Trauergäste schauten etwas befremdet, nur die fünf Jungs hatten verstanden, der Spuk war nun zu Ende.

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